“Hanna Zoon über Neue Technologien und ihre Geschichten” on Granaton.com

What an honour to get such a thorough and extensive article about my talk at UXcampNL on Granaton’s blog! The original post can be accessed at http://granaton.com/neue-technologien-und-geschichten/


Neue Technologien und ihre Geschichten

Kuratiert von Designforscherin Hanna Zoon. By GranatonJANUAR 06, 2015. Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Hanna Zoon at UXcampNL 2014

Hanna Zoon at UXcampNL 2014

Hanna Zoon, Designforscherin an der Fontys University of Applied Sciences, stellte beim UX Camp NL ihre Methode “Curious Design” vor, um über Gestaltungsgrundlagen unserer Welt nachzudenken.

‘Curious Design is an iterative design process through exploring and questioning, working together with people, and letting designs be inspired by this process – Hanna Zoon

Für das Future Media Lab forscht Hanna Zoon über innovatives Storytelling von Maschinen durch die Sammlung von Daten. “Computer können andere Dinge, als Menschen” erläutert sie und zeigt anhand von Beispielen, wie Funktionen von Maschinen in Erzählungen umgedeutet werden können.

Roboterjournalismus

Der LA QuakeBot ist ein Algorithmus für die Frühwarnung von Erdbeben. Er reagiert auf Signale des U.S. Geological Survey bei Erdbeben ab einer bestimmten Stärke. Aus diesen Daten erzeugt er kurze Meldungen, die von einem Redakteur veröffentlicht werden können und über Twitter verteilt werden. Die Meldungen enthalten etwa Informationen zu Stärke, Uhrzeit und Epizentrum des Bebens.

Der LA QuakeBot auf Twitter

Der LA QuakeBot auf Twitter

Blogging Birds ist ein schottisches Naturforschungsprojekt der University of Aberdeen. Vier Gabelweihen wurden mit Satelliten-Empfängern ausgestattet, die sechsmal pro Tag deren Aufenthaltsort und viele weitere Daten übermittelten. Aus diesen Informationen verfasst ein Bot durch natürlichsprachige Generierung (NLG) Blogposts über deren Leben.

Blogging Birds: In Schottland scheint zu wenig Sonne. Vogel Millies Batterien sind leer.

Blogging Birds: In Schottland scheint zu wenig Sonne. Vogel Millies Batterien sind leer.

Narrative Science

Wenn uns Daten als Diagramme, Tabellen oder Listen dargeboten werden, lesen wir sie als mathematische Größen. Werden sie jedoch als Geschichten erzählt, so verstehen wir sie intuitiv. Darauf baut das Konzept “Narrative Science” auf, das aus Daten Fließtexte erzeugt. Ein “New Age of Storytelling” wird ausgerufen vom gleichnamigen US-Unternehmen mit Hauptsitz in Chicago. Deren patentierte Erzählmaschine “Quill” erzeugt vollautomatisiert aus eingespeisten Daten ein für den User nützliches Bedeutungsprofil und schreibt daraus einen Text, der sowohl gut lesbar als auch inhaltlich relevant sein soll. Im Einsatz ist Quill bereits für Forbes.

Hanna Zoon zeigte eine Forbes Einnahmen-Vorschau der Washington Post Company. Es ist überaus bemerkenswert, dass ein orthografisch perfekter Fließtext aus sinnvollen Sätzen aus Daten maschinell generiert werden kann. Mir erschien dieser Fakten-Artikel emotional jedoch ähnlich aufregend wie die Gebrauchsanweisung meiner neuen Mikrowelle. Er ist informativ und übersichtlich, doch lädt er mich nicht in einen spannungsgeladenen Erzählbogen ein.

Wofür würde ich Quill auf meinem Blog einsetzen wollen? Vielleicht für automatische Reports meiner UserInnen-Statistik? Quill könnte mir, aufbauend auf meinen Website-Zugriffen, wöchentliche Handlungsempfehlungen schreiben, welche Artikel zu verbessern wären und welche Methoden ich dafür nutzen sollte.

Aus welchen Daten würden Sie automatisierte Texte schreiben lassen?

Sport- und Sensorjournalismus

Der niederländische Fußballverein “Go Ahead Eagles” wurde bereits 1998 Teil der Studie “From Data To Speech” vom Center für User-System Interaction in Eindhoven. Es stellt sich die Fage, welche technischen Methoden bedeutungsvolle Geschichten entstehen lassen können, wenn in Echtzeit Daten von Spielen erhoben werden. Einerseits geht es dabei um die Berichterstattung über ein Spiel, andererseits aber auch um die Auswertung der Ergebnisse.

Hanna Zoon analysiert die Situation mithilfe eines Fragenkatalogs.

  • Was ist eine bedeutungsvolle Geschichte?
  • Welche Experimente, Hardware und Software existieren heute bereits?
  • Wie können wir Daten von Athleten und dem Publikum sammeln?
  • Welche Konzepte haben Zukunft?
  • Was kommt als nächstes?

Sind Roboterjournalismus, Sensorjournalismus und Narrative Science eine Gefahr für die schreibende Zunft? Profis bezweifeln dies. Vielmehr werden sie als Ergänzung und Hilfe verstanden. Zahlreiche Artikel widmen sich dieser Fragestellung. Werfen Sie dazu einen Blick auf eine kuratierte Link-Übersicht. Wie denken Sie darüber?

Datenbilder / Infografiken

Edward Tufte ist einer der bekanntesten Experten und Designer für die Darstellung von Informationen. Landkarten sind eine klassische Form von Datenbildern. Tufte entwickelte weitreichende Kombinationen von Daten zu Grafiken, Charts und erzählerischen Abläufen. Er gilt als Vorbild für zeitgenössische visuelle Bildung. Seine Werke sind Inspirationen sowohl für die analoge, als auch die digitale Darstellung von Daten. Auf seiner Website stellt er Ikonen der Infografik vor, beispielsweise Megan Jaegerman.

Megan Jaegerman für The New York Times

Megan Jaegerman für The New York Times

Während Infografiken seit Jahrhunderten existieren (auch der Vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci ist dazuzurechnen), entstand in den vergangenen Jahren ein regelrechter Hype um virtuelle Infografiken im Netz. Vielleicht ist es Ihnen auch aufgefallen, in sozialen Medien waren Feeds und Newsstreams übervoll von ihnen, nicht zuletzt schwappten sie über Pinterest und Facebook. Tools für die einfache Erstellung von solchen digitalen Marketinghelfern schossen aus dem Boden. Nun ebbt dieser Hype langsam wieder ab.

Haben Content-Schmieden durchschaut, dass mit der Erstellung einer guten Infografik sehr viel Arbeit und Kreativität verbunden ist, nicht zuletzt in Bezug auf die Recherche von relevanten Daten? Vielleicht wird die Online-Infografik nun ein organischer Bestandteil der dramaturgischen Aufarbeitung von relevantem Content und dadurch aufgewertet? Ich habe einige überaus aufwändige Parallax-Entwicklungen studiert, die animierte Informationsabläufe darstellen. Sie stellen die derzeit höchste Evolutionsstufe der online-Infografik dar. Wie geht es weiter? Haben Sie Ideen dazu?

Leonardo da Vinci schuf mit dem Vitruvianischen Menschen die Ikone der Infografik schlechthin

Leonardo da Vinci schuf mit dem Vitruvianischen Menschen die Ikone der Infografik schlechthin

Erzählungen

In seinem Buch “Envisioning Information” von 1990 beschäftigt sich der obengenannte Edward Tufte mit historischen Infografiken und inkludiert darin eine medizinische Datensammlung, interpretiert vom Arzt und Autor David Hellerstein. “The slow, costly death of Mrs. K” (1984) ist eine Auflistung der Krankenhausrechnungen einer sterbenden Patientin. Aufgrund dieser Liste ergibt sich die Dramaturgie eines Todes, die sich im Kopf der LeserInnen formt. Die Prosa, die aus diesen Daten geformt wird, ergibt eine schichtweise Aufschlüsselung des Leidensweges von Frau K, deren Fiebertod durch ihren Krankenhausaufenthalt verhindert wird, deren Todesursache jedoch wahrscheinlich eine Folge ihrer Behandlung ist.

Hanna Zoon stellt nun die berechtigte Frage: Hat diese Liste einen tieferen Sinn für LeserInnen? Wenn sie noch keine Dramaturgie ist, was bedeutet sie dann für den Autor, was für die Menschen, die damit in Berührung kommen?

Bildzitat: “The Slow, Costly Death of Mrs. K.” von David Hellerstein (1984), zitiert in “Envisioning Information” von Edward Tufte, S. 56, 57

Bildzitat: “The Slow, Costly Death of Mrs. K.” von David Hellerstein (1984), zitiert in “Envisioning Information” von Edward Tufte, S. 56, 57

Um die Bedeutung einer Erzählung zu beurteilen, entwickelte Hanna Zoons eine eigene Qualitäts-Checklist. Können alle ihre Punkte in Bezug auf Hellersteins Datensammlung mit JA beantwortet werden?

  • impact
  • popular
  • visual appeal
  • interesting
  • useful
  • surprising
  • personal

Sind die Daten von Mrs. K für Sie schlüssig? Entsteht dadurch eine Geschichte in Ihrer Vorstellung, die Emotionen weckt und Erkenntnisgewinn mit sich bringt?

Persönliche Daten / Quantified Self

Nicolas Feltron genießt höchste Anerkennung als zeitgenössischer Designer von Daten. Um neue Wege für deren Darstellung zu finden, sammelt er Messwerte über sich selbst, verarbeitet sie visuell und veröffentlicht seine Ergebnisse in jährlichen Protokollen. Er hat eine große Schar von AnhängerInnen, die seinen Entwicklungen folgen. “Quantified Self” nennt man diese Übersicht über seine eigene Person. Feltron sucht in diesem neuen Format interessante Design-Sprachen. Sicherlich sind seine Ergebnisse schön – aber bedeuten sie auch etwas, fragt Hanna Zoon. Welchen Sinn ergeben sie für seine Fans? Kommt der Stalking-Aspekt bei ihm ins Spiel? Hat er eine neue Form der Erzählung gefunden? Ist er Inspiration für andere Designer? Wird die Aufmerksamkeit der LeserInnen größer, wenn es sich bei diesen Selbst-Darstellungen um eine serielle Fortsetzung handelt?

Nicholas Feltrons Annual Report 2012 zeigt seine Reiseaktivitäten

Nicholas Feltrons Annual Report 2012 zeigt seine Reiseaktivitäten

Zahlreiche Anbieter für die Messung und Optimierung persönlicher Leistung kamen in den vergangenen Jahren auf den Markt. Einer davon ist Instabeat.me, über den sportliche Daten für SchwimmerInnen erhoben werden können. Persönliche Kontakte von mir teilen auf Facebook gerne ihre sportlichen Ergebnisse, die sie mit dem Fitness-Tracker Runtastic erhoben haben. Sie sind 5 km gelaufen, 40 km in jener Zeit mit dem Rad gefahren oder dokumentieren die Veränderung an ihrem Körper. Manchmal schaue ich genauer hin – wenn beispielsweise eine deutlich sichtbare vorher-nachher Entwicklung nachzuvollziehen ist. Meistens jedoch ignoriere ich Veröffentlichungen ohne jedes Interesse. Mir fällt auf, dass sie viele Likes bekommen. Warum? Was gefällt anderen Leuten daran, wenn ein Kontakt eine grob skizzierte Zusammenfassung der Fahrradstrecke von Sonntag veröffentlicht? Ist der Like eine Form von Lob? “Bravo! Du machst Sport, wir unterstützen das …”

Runtastic: Ein Facebook-Freund aus Mannheim geht jetzt öfters zum Sport. Ich sehe online, ob er fleißig trainiert

Runtastic: Ein Facebook-Freund aus Mannheim geht jetzt öfters zum Sport. Ich sehe online, ob er fleißig trainiert

Ein interessantes Phänomen hat Hanna Zoon im Kontext von Fahrradprofis ausgemacht. Diese optimieren ihre Fahrräder für zigtausend Euro, um ihr Gewicht leichter zu machen – und setzen dennoch einen Computer auf die Lenkstange. Dieser (Gewichts)Zusatz muss für sie also großen Wert haben. Welchen?

Lernende Computersysteme

IBM Watson ist ein kognitives Computersystem, das durch selbstständiges, interaktives Lernen zum semantischen Problemlöser wird. Aufgaben können natürlichsprachig gestellt und durch flüssige Antworten gelöst werden. Beispielsweise eine Krankheits-Diagnose kann durch Watson unterstützt und begleitet werden. Hanna Zoon nennt IBM Watson “artificial intelligence at it’s best”. Die Maschine hat derzeit noch keine eigenständigen Geschichten verfasst. Wird sie dazu jemals in der Lage sein und wenn ja – was wird sie erzählen?

Was kommt als Nächstes?

Hanna Zoon hat auch den Ausblick auf die Zukunft ihres Forschungsprojektes über maschinengenerierte Geschichten als Checklist vorgestellt. Es gibt darin vier parallele Schwerpunkte.

  • Automatisierte Newsrooms
  • Geschichten von Menschen und Robotern
  • Wahrnehmung und Glaubwürdigkeit von Roboterjournalismus
  • Nutzen für Bildung

Auch ethische Fragen sind in diesem Kontext zu stellen. Welche Probleme können sich aus maschinellem Storytelling ergeben, wo liegen Gefahren? Was denken Sie darüber?

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